Besser als Joga: Pfifferlingrisotto

Er holte Schwung und stach dann zielsicher mit seinem heiß geliebten Solinger Messer zu. Dort, wo durch den Hieb mit dem Messer ein tiefer Schnitt entstanden war, wo das Cellophanpapier auseinander klaffte, griff er hinein und riss es mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung vom Holzkörbchen.
Nun lagen sie vor ihm, nackt, schutzlos und verletzlich. Nur hier und dort von den Resten des Waldbodens bedeckt, der einmal ihre Heimat war. Pfifferlinge.


An die Arbeit, dachte er sich und begann die zarten Pilze nach und nach von den Erd- und Waldresten zu befreien. Mal nahm er ein Messer, mal einen Küchenpinsel, manchmal pustete er den Dreck auch einfach mit dem Mund herunter.
Eine mühsame Arbeit, aber eine zutiefst befriedigende, ja sinnliche. Nur die kleinen braunen Stellen machten ihn wütend. Er entfernte sie gnadenlos mit dem Messer.
Ihn freute, dass so viele kleine Exemplare dabei waren. Die machten zwar mehr Arbeit, würden dann aber später um so schöner aussehen, wenn alles fertig war. Als kein Dreck mehr an den Pilzen zu sehen war, schnitt er noch die trockenen Enden der Stile ab und betrachtete stolz sein Werk. Das meiste war geschafft.
Gekonnt schälte er noch eine Zwiebel und hackte sie so klein es ging. Zwei Knoblauchzehen drückte er mit seiner flachen Hand an und löste dann die Schale vorsichtig, fast zärtlich ab. Knoblauch war etwas Besonderes. Noch einmal sah er die nun nackten Zehen liebevoll an, schloß kurz die Augen, als wolle er stumm um Verzeihung bitten, und zerquetschte sie mit der breiten Seite des großen Messers.

Nach einem Blick in die Gefriertruhe stellte er fluchend fest, dass er keine frische Hühnerbrühe mehr hatte. Er würde sich also mit einem Brühwürfel zufrieden geben müssen.
Die heiße Brühe stellte er neben den Herd. Zwei Liter. Zur Sicherheit. Würde selbst das nicht reichen, müsste er halt schnell neue machen oder Wasser nehmen.
Den guten Riso superfino Arborio aus dem italienischen Fressgroßhandel, etwas mehr als 200 Gramm, wusch er unter fließendem Wasser ab. Er wusste nur eines: Die überflüssige Stärke muss raus!
Nun erhitzte er einen guten Schuss feines Olivenöl. Er hatte es extra vorher getestet, den bitteres Öl würde alles versauen, alles zunichte machen. Finito.
Die Zwiebeln und den Knoblauch ließ er kurz anschwitzen und dann gab er die Pfifferlinge dazu. Wie das brutzelte und zischte. Wie das roch! Kurz war ihm, als liefe alles nur noch in Zeitlupe. Für einen Augenblick waren da nur noch er und der köstliche Geruch angebratener Pfifferlinge, der durch alle Poren zu dringen schien. Er spürte, wie sein Blut sich langsam an einer bestimmten Stelle sammelte, wir er feucht wurde im Mund, und sein Magen sich beinahe pochend auf den Empfang eines köstlichen Mahls vorbereitete. Deswegen, wusste er, könnte er nie Koch werden. Sein Magen würde Ihn ins Grab bringen. In ein extra großes.
Als die Pfifferlinge, die Zwiebeln und der Knoblauch schon richtig braun angebraten waren, kippte er den gewaschenen Riso superfino Arborio in den Topf und ließ ihn eine knappe Minute mit anschwitzen. Dann löschte er mit einem guten Schluck Brühe ab. Sein Vetter würde ihn wüst beschimpfen, dass wusste er, es war ihm Aber egal. Die Familie seines Vater nahm für das erste Ablöschen immer Weißwein, in der Familie seiner Mutter aber war das verpönt. Schon als Kind hatte er die harten Diskussionen gehört, bei jedem Zusammentreffen der verschiedenen Familienteile. Er wusste von Anfang an, auf welcher Seite er stand. Die Säure des Weines übertünchte den zarten Geschmack der Pilze, daran war nicht zu rütteln, fand er.
Jetzt, wusste er fing der anstrengende Teil an oder der meditative, wie er fand. Wer braucht schon Kampfsport und Joga, wenn man Risotto machen kann?
Er wiederholte jetzt immer wieder das Procedere von gerade. Sobald die Brühe vom Reis aufgenommen war, schüttete er welche nach. Die ganze Zeit rührte er und achtete darauf keine Stelle des Topfes auszulassen. Unzählige Male, so schien es, bis irgendwann der Reis weich war, aber noch ein Wenig bis hatte. Fertig.

4 Reaktionen zu “Besser als Joga: Pfifferlingrisotto”

  1. kulinaria katastrophalia

    Ob die armen Pilze wirklich aus dem Wald stammen ;-)

  2. Paulus

    Naja, immerhin waren noch Tannennadeln dran, mindestens zwei.

  3. kulinaria katastrophalia

    Wahrscheinlich steht da extra jemand und packt zwei Nadeln in jede Packung :D Das Ablöschen mit Wein könnte übrigens auch Vorteile haben bezüglich der Festigkeit (ohne jetzt in den Glaubenskrieg miteinsteigen zu wollen). Am besten werden unabhängige Testpersonen ohne Kenntnis des Hintergrundes mit den jeweiligen Resultaten versorgt. Wenn sie keinen Unterschied schmecken können sie immer noch verhauen werden.

  4. Tinchen

    Die stammen bestimmt aus dem Wald ;)

    Trotzdem sieht das alles sehr lecker aus, das Rezept ist sehr schön geschrieben.
    Ich bekomme Hunger!

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